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Heute ein Beitrag aus der Rubrik "Rache ist süss"

Makler in Nöten

"Entschuldigen Sie bitte, aber könnte ich wohl Ihre Toilette benutzen?"

Eigentlich hatte Mareike mit einer penetranten Aufforderung gerechnet, doch endlich den Anbieter ihres Festnetzanschlusses zu wechseln. Den durchaus adretten, wenn auch ziemlich nervös wirkenden, jungen Mann vor ihrer Tür hatte sie bereits ausgiebig durch den Spion gemustert, bevor sie sich entschloss, zu öffnen. Eigentlich wollte sie erst gar nicht aufmachen, denn auf ein lästiges Verkaufsgespräch verspürte sie nicht die geringste Lust. Dann aber kam ihr in den Sinn, dass der unerwartete Besucher im eleganten schwarzen Anzug ja vielleicht ganz etwas anderes von ihr wollte. Zumindest nicht einen Telefonvertrag, der längst unterschriftsfertig in seiner Aktenmappe ruhte. Und gegen eine nette Begegnung – gerade heute, wo Mareike ihren freien Tag eher gelangweilt abfeierte – hatte sie eigentlich nichts einzuwenden. Dass das Anliegen des gutaussehenden Fremden nun doch etwas pikant ausfiel, damit hatte sie ja nicht rechnen können.

"Ich bin Makler und vermiete eine Wohnung in dem neuen Haus nebenan. Mein Klient hat sich allerdings verspätet."

"Aha." Mareike hörte stets interessiert zu, wenn Männer ihr Tun rechtfertigten. Sie nannte das "Exkursion am lebenden Objekt". Vielleicht war es aber auch seine vibrierend sonore Stimme, die sie spontan fesselte.

"Ja, und im Bad ist der Estrich frisch verlegt. Man kann es erst ab morgen betreten. Da hab ich mir gedacht, vielleicht dürfte ich bei Ihnen ganz kurz ..?"

Ihre Augen wanderten dezent hinab auf die Schritthöhe des Herrn, die sich immer mehr verkniff. Sie wusste damit, er log nicht.

"Gleich da links." Sie zeigte verlegen auf eine weiße Tür hinter ihr, die von der Diele in die Toilette führte. Der Fremde zögerte nicht lange und schaffte die Strecke zum ersehnten Ziel mit einem gehetzten Lächeln fast in einem Satz. Mareike hörte nur noch das Klicken des Drehschlosses. Anstandshalber verzog sie sich für die Zeit des wohl nicht allzu lange andauernden geschäftlichen Aufenthalts ihres Besuchers auf dem stillen Örtchen in die Küche und tat unter lautem Scheppern so, als müsste sie etwas aufräumen. Dabei ließ sie die Toilettentür aber nicht aus den Augen. Nach gut einer Minute rauschte die Spülung.

Hoffentlich hat er sich wenigstens hingesetzt dabei, dachte sie. Gewisse Hinterlassenschaften männlicher Toilettenrituale von den Fliesen zu wischen, das hatte sie in den letzten Monaten glücklicherweise gründlich verlernt. Seit ihrer Trennung von Mark lebte sie wieder alleine in der geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung, die ihr zwar ein wenig zu groß war, die sie jedoch unter keinen Umständen aufgeben wollte. Es gefiel ihr hier und die Umgebung war gepflegt. Schließlich kam sie langsam in die Lebensphase, in der man geraniengeschmückten Vorstadtbalkonen eher etwas abgewinnen konnte, als einem engen Cityappartement, das vorteilhafterweise unweit zur nächsten Lieblingskneipe lag.

"Vielen Dank, Frau –." Der Makler hatte das Bad verlassen und stand plötzlich unter der Küchentür.

"Söhnke", antwortete Mareike. "Sie können aber ruhig Mareike zu mir sagen."

"Angenehm, Achim Streller." Er reichte ihr die abgeseifte Hand. "Danke nochmals. Sie haben mir den Tag gerettet."

Wie ist das nun zu verstehen, überlegte sie, wobei sie sich einen netten Blick mit dem gewissen Augenaufschlag nicht verkneifen konnte. "Kaffee?" fragte sie dann.

Während sie in der kleinen Essecke beieinander saßen, öffnete Achim seinen Koffer und holte Unterlagen heraus. Es war das Blatt mit den Angaben zum Kunden, auf den er vergebens gewartet hatte. "Ich verstehe das nicht. Der Herr wollte die Wohnung unbedingt haben. Er war richtig versessen auf sie", sagte er und warf bei seinen letzten Worten einen unmissverständlichen Blick auf seine hübsche Gastgeberin.

"Vielleicht hat er was besseres gefunden", meinte Mareike und lächelte. Dann fiel ihr Blick auf den Namen des Kunden und beinahe hätte sie sich vor Schreck verschluckt. Auf dem Formular stand der Name ihres Ex-Freundes!

Mark! Diese elende Klette, schoss es ihr wie ein Blitz durch den Kopf. Ihr Kollege Günther hatte also recht gehabt. Mark plante doch tatsächlich, in ihre Nähe zu ziehen, nur um sie im Auge behalten zu können! Er will es einfach nicht wahrhaben, dass es vorbei ist! Selbst seine Gerissenheit kann er sich nicht abgewöhnen, zog sie ihn ihren Gedanken über ihn her. Na warte, dachte sie dann, dir werde ich einen schönen Strich durch die Rechnung machen. Schließlich war Angriff noch immer die beste Verteidigung.

Nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten, klingelte plötzlich Strellers Handy. Mark war dran und entschuldigte sich für die Verspätung. Er sei nun auf dem Weg zur Wohnung, sagte er.

"Tja, dann muss ich wohl gleich los. Schade eigentlich. War nett, Sie kennen gelernt zu haben, Mareike." Streller packte die Papiere zurück in den Koffer und trank seinen Kaffee aus.

"Achim, haben Sie was dagegen, wenn ich mitkomme? Mich würde interessieren, wie die Wohnungen nebenan geschnitten sind?"

Eine größere Freude hätte Mareike dem Makler nicht machen können. "Gerne!"

Auf dem Weg zum Nachbarhaus turtelten die beiden schon wie ein verliebtes Paar. Mark sah sie bereits neugierig kommen.

"Hallo Herr Enders. Schön, dass es doch noch geklappt hat", begrüßte Streller den Verspäteten. "Darf ich vorstellen. Eine Bekannte von mir, Mareike Söhnke. Wir teilen sozusagen schon Bad und Küche miteinander", fügte er spaßeshalber mit einem vergnügten Gesichtsausdruck an.

Besser hättest du es nicht sagen können, triumphierte Mareike still und grinste in sich hinein. Das hat mit Sicherheit gesessen.

Mark schluckte benommen. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Wortlos starrte er seine Ex-Freundin an.

Mist, Rolf sagte doch, sie sei nach wie vor Single, erinnerte er sich verbittert an ein kürzliches Gespräch mit Mareikes Kollegen zurück, den er gut kannte und über Mareike ausgefragt hatte. "I – Ich. Ich glaube, ich habe es mir anders überlegt. Ich nehme die Wohnung doch nicht", stammelte er dann verwirrt und entmutigt zugleich. Seine Vorstellung von einer pseudoromantischen Nachbarschaft zu Mareike schien dahin, bevor sie begonnen hatte. Aus der Traum vom wiederbelebten Glück!

"Tja, das ist aber schade. Es ist wirklich ein außergewöhnliches Objekt in dieser Preisklasse", sagte Streller. Dann wandte er sich Mareike zu. "Aber was soll’s? Dann bin ich ab sofort frei, um mich bei dir mit einem schönen Mittagessen zu revanchieren."

"Mit Vergnügen", sagte Mareike, während Mark das Weite suchte.

ENDE

28.12.07 22:21
 


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